© M. Yamashita

Dienstag, 9. Oktober 2007

Fiinaaale



Das ist das Problem mit nichtaktuellen Blogeintraegen: Die Realitaet kassiert die Botschaft der Ueberschrift schon wieder ein. Ich WEISS, dass die deutschen Maedels mittlerweile Weltmeister geoworden sind (wir haben eine Halbzeit vom Endspiel auf einem flimmernden Fernseher in Tibet gesehen) und die Freude ueber den Finaleinzug etwas anachronistisch daherkommt. Was also aendern? Eine andere Ueberschrift waehlen? Nein. Denn hier geht es darum, was wir vor zwei Wochen erlebt haben - und wie wir uns darueber gefreut haben.

Das Halbfinale Deutschland gg. Norwegen war in Tianjin, unsere fast germanische Horde (14 Deutsche, eine Norwegerin) ist mit dem Zug in die 200 Km suedlich von Beijing gelegene Stadt einmar- aeh, -gereist. Tianjin gehoert dabei laut einer Aufzaehlung von Spiegel Online zu den zehn verseuchtesten Orten der Welt. Etwa die Haelfte (!) der chinesischen Bleiproduktion findet hier statt, dementsprechend verschmutzt ist die Umwelt: Die durchschnittliche Bleikonzentration in der Luft uebersteigt die internationalen Grenzwerte bis um das Zehnfache. Vielleicht taeuscht der Eindruck, aber meine Meinung nach hat man das den Menschen tatsaechlich angesehen. Ich habe kein einziges laechelndes Gesicht auf dem Weg zum Stadion gesehen. Das gesamte Stadtbild duerfte dabei sein Uebriges getan haben, sozialistisch-monotones Grau-in-Grau war unuebersehbar.

Ok, Themensprung. Der Verlauf des Spiels ist schnell erzaehlt: In einer (selbst fuer Frauenfussball) eher unansehnlichen Partie sind die deutschen Damen gluecklich (Eigentor) aber nicht unverdient (spielerische Ueberlegenheit) in Fuehrung gegangen. Dann in der zweiten Haelfte noch zwei Tore nachgelegt und letztlich ueberzeugend ins Finale eingezogen. Der Rest ist Geschichte - wir sind immer noch wer und deutsche Maedels einfach die Besten :-)

Spannender ist dagegen das Drumherum. Ich will hier keine epische Diskussion lostreten, zumal jeder in diesem Punkt eine andere Auffassung haben wird, aber: Was macht fuer Euch eigentlich den Reiz des Live-Fussballs aus? Zwei von weiteren Kernelementen sind fuer mich das Bier im Stadion und die, ja, sagen wir mal kollektive Ausgelassenheit. Zu deutsch: Singen, Groelen, Schreien. Emotion und Extase.

Wie funktioniert Fussball (immerhin ein vom WELTverband Fifa veranstaltetes Turnier) in China? Anders.

Im Stadion gab es kein Bier. Ok, das war zu verschmerzen, zumal wir schon auf der Zugfahrt gut zugeschlagen hatten. Trotzdem ein Sakrileg. Viel schockierender aber war der Umgang mit uns Fans: Wir hatten unsere Plaetze ganz oben im Unterrang, waren dort quasi unser eigener Fanblock. (Einen offiziellen Fanblock gab es uebrigens nicht. Begruendung: Da es ja Play-Off-Spiele seien, wisse man ja im Vorfeld nicht, wer gegen wen spielen wuerde, darum gebe es keine Bloecke fuer die einzelnen Laender. Absurd. So waren kleine deutsche und norwegische Grueppchen im Stadion verstreut). Naja, dort oben haben wir dann gestanden, und geklatscht und in regelmaessigen Abstaenden unsere Lieder gesungen. Fussball eben. Bis dann ein Ordner zu uns kam und meinte: "Would you please sit down and be quiet?"

Im Fussballstadion. Bei einer WM! Unglaublich. Eine entsprechende Beschwerde-Mail an die Fifa ist uebrigens bis heute unbeantwortet geblieben. Ebenso unglaublich war dann aber die Reaktion der Chinesen, die um uns herum sassen. Die hatten naemlich so einen Spass an uns, dass sie den Ordnern klar gemacht haben, dass wir natuerlich stehen bleiben und singen sollten.

Neben den anderen Fan-Grueppchen waren wir allerdings in der Tat das einzig belebende Element im (fast ausverkauften) Stadion. Wenn Chinesen Fussball gucken, sieht das in etwa so aus: Still auf den Stuehlen sitzen und gelegentlich hoeflich Beifall klatschen, wenn eine der beiden Mannschaften in Strafraumnaehe kommt. Insgesamt hat uns das Publikum eher an Theater-Gaeste erinnert. Ok, klar, die meisten Chinesen hatten sich auf ein Halbfinale China gegen Deutschland gefreut. Und es war der etwas unpopulaerere Frauenfussball. Aber so wenig Emotion habe ich noch nie im Stadion erlebt.

Bis wir kamen. Ermutigt durch die Reaktionen um uns herum haben wir erst immer lauter "Women ai de guo" (Wir lieben Deutschland) gesungen. Als wir dann den Schlachtruf in "Women ai zhong guo" (Wir lieben China) geaendert haben, hat wie aus dem Nichts fast der ganze Block mitgesungen. Immer kritisch beaeugt von den Ordnern, kollektive, emotionale Meinungsaeusserung in der Oeffentlichkeit ist hier eben weitestgehend unbekannt. Naja, nachdem wir nach dem 2:0 und 3:0 jeweils eine Polonaise durch den Block gemacht haben, konnten wir unsere chinesischen Freunde von unten sogar zu einer La Ola animieren. Davon gibt es leider kein Video, unseren restlichen Erfolg zur Etablierung westlicher Fussballrituale in die chinesische Kultur seht ihr aber hier:


video