© M. Yamashita

Dienstag, 9. Oktober 2007

Lhasa - Dach vom Dach der Welt







Ueber Tibet zu schreiben faellt mir schwer, darum hat dieser Eintrag unter anderem auch so lange auf sich warten lassen. Dieses Land bietet so viele schoene und verschiedenste Eindruecke, dass man sie im Nachhinein wohl gar nicht so zusammenfassen kann, dass man dem Land trotzdem noch gerecht wird. Hier also der Versuch, mit Lhasa geht es los.

Wenn man in der Hauptstadt ankommt, hat man trots allmaehlicher Akklimatisierung im Zug doch erst einmal leichte Probleme beim Atmen, das Herz schlaegt schneller und man hechelt am Anfang ein wenig nach Luft. Nach der ersten Nacht gewoent man sich aber daran. Allerdings ging es uns allen so, dass wir in der Nacht das absurdeste Zeugs getraeumt haben. Auf Anfrage erzaehle ich Euch gerne mehr, unter anderm habe ich als Arzt wohl Menschenleben gerettet und dafuer die Stadt Miami geschenkt bekommen. Und das war noch einer der harmloseren Traeume...

Lhasa selbst liegt in 3600 Meter Hoehe und ist die Hauptstadt der "Autonomen Region" Tibet. Verabschiedet Euch bei Lhasa aber von den Eindruecken aus "7 Jahre in Tibet". Wie einer meiner Lieblingsmenschen ueberrascht aber treffend festgestellt hat: "Huch. Da fahren ja Autos rum". So ist Lhasa: In vielen Teilen modern und chinesisch. Es gibt Geschaefte grosser Kleidungsmarken (unter anderen sogar Adidas), nur Starbucks hat seine Fuehler ueberraschenderweise noch nicht bis hierhin ausgestreckt.

Und dennoch, den Charme Tibets kann man auch in Lhasa erleben, denn der Charme dieses Landes geht von seinen Menschen aus. Die Tibetaner sind - trotz der Lage, in der sie sich befinden - ein ungemein froehliches und liebenswertes Volk. Einen Tibetaner mit schlechter Laune gibt es glaube ich nicht. Dazu diese schrill bunten Kleider und Gewaender und ein andauerndes Angelaechele. Grossartige Menschen.

Und man kriegt in Tibet viel von der tiefen Spiritualitaet der Tibeter mit. Rund um den Johkang-Tempel (der heiligste Tempel ganz Chinas), etwa stehen, gehen und beten hunderte Tibetaner, oft stundenlang. Dabei schleudern sie immer ihre Gebetsmuehlen vor ihrem Koerper herum. Andere vollziehen ein Ritual, dass sich nur relativ schwer beschreiben laesst, aber auf dem Video ganz gut zu erkennen ist. Sie falten ihre Haende vor dem ganzen Koerper und schmeissen sie dann vor dem Tempel flach auf den Boden. Entweder an Ort und Stelle, oder aber sie bewegen sich dabei fort und umrunden so den Tempel. Das dauert dann den ganzen Tag. Wie gesagt: Eine sehr beeindruckende, tiefe Spiritualitaet.

Am beeindruckendsten in Lhasa ist aber wohl der gewaltige Potala, den man auf dem ersten Bild sieht. Der Potala ist der Winterpalast des Dalai Lama und so etwas wie der Regierungssitz Tibets. Besser gesagt: War. Bis die Chinesen kamen. Im Detail konnte ich die Geschichte Tibets noch nicht nachvollziehen, Internetseiten mit diesem Thema lassen sich von hier nicht aufrufen.
Dennoch hier der Versuch eines kleine historischen Abrisses des Konflikts, aus verschiedenen Quellen zusammengetragen. Informationen darum ohne Gewaehr, in Deutschland werde ich das noch einmal ueberpruefen.

Im Jahr 1951 sind chinesische Truppen nach Tibet gekommen. Die Chinesen nennen das die friedliche Befreiung Tibets von den Mongolen. De facto sind die Chinesen gekommen, haben ein paar Mongolen aus Tibet verscheucht und sind mit 50.000 Soldaten geblieben. Bis heute. 1959 gab es dann einen Aufstand der Tibeter der niedergeschlagen worden ist, woraufhin der Dalai Lama (ihr wisst schon, dieser freundliche, ewig kichernde alte Mann in Rot-Gelb) nach Indien geflohen ist. Das riesige Tibet ist dann in zwei Teile gespalten worden - der eine Teil wurde zur Autonomen Region Tibet, der andere Teil ist in verschiedene chinesische Territorien aufgegangen. Tibet selber will unabhaengig sein, die Chinesen wuerden es ganz gerne behalten, und - naja, waren in der Vergangenheit nicht besonders nett dort. Waehrend der Kulturrevolution sind ueber 6500 Tempel zerstoert worden, uebrig geblieben sind: 14.

Als wir im Potala waren, konnten wir auch die Gemaecher des Dalai Lamas sehen. Er selber ist seit fast 50 Jahren nicht mehr dort gewesen. Sehr komisches Gefuehl. Dazu gibt es noch eine interessante Geschichte, die ich von einem Amerikaner gehoert habe, der sie von seinem Guide erzaehlt bekommen hat (Der im Unterschied zu unserer Fuehrerin sehr gespraechig war, aber dazu im anderen Eintrag mehr.) Es gibt in Tibet den Dalai Lama, der ist spiritueller und politischer Fuehrer, und es gibt den Panchen Lama. Der ist so eine Art Nummer 2 und unter anderem dafuer zustaendig, die Reinkarnation des Dalai Lamas zu bestimmen. Der alte Panchen Lama ist 1989 ueberrasachend im Alter von 55 Jahren gestorben. Morgens gings ihm gut, nachmittags war er tot.

Daraufhin hat der Dalai Lama von Indien aus einen neuen Panchen Lama bestimmt. Der muss dann eine ziemlich lange Reise gemacht haben, auf jeden Fall wurde er nie mehr gesehen. Gleichzeitig haben die Chinesen selber einen Panchen Lama ausgerufen. Den hat man dann bis zum letzten Jahr ziemlich haeufig gesehen. Bis er sich auf seine tibetanischen Wurzeln besonnen und gesagt hat: "Hey, wisst ihr was? Nicht ich bin der echte Panchen Lama, sondern der andere." Danach hat er auch den Verschwinder gemacht.

Was ich sagen will: Tibet ist ein hoechst faszinierender, hoechst kontroverser aber irre schoener Landstrich. Mein Rat, den mir auch mein Reisefuehrer von vor zehn Jahren schon gegeben hat: Solltet ihr Tibet besuchen wollen: Macht es bald. Peu a peu scheint dieses Land trotz allem von seiner Identitaet einzubuessen. Im Moment ist die Haelfte der Einwohner Tibeter.


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