© M. Yamashita

Mittwoch, 26. Dezember 2007

Peking und Olympia




Wenn man ein halbes Jahr vor Olympia in Peking ist, kommt man nicht darum herum, einen Eintrag ueber die Olympischen Spiele und die Vorbereitungen hier vor Ort zu schreiben. Ein Spiegel-Artikel von vor drei Wochen beschreibt anschaulich, wie weit die Vorbereitungen schon gediegen sind und dass es vorgestern losgehen koennte. Und liegt damit mal so richtig gruendlich daneben. Keine Ahnung, wo der Autor recherchiert hat, in Peking jedenfalls nicht.

Bevor Missverstaendnisse aufkommen: Ich gehe zu einhundert Prozent davon aus, dass puenktlich zu den Olympischen Spielen und sogar noch weit davor alles fertig sein wird – nur ist es das eben jetzt noch nicht. Trotzdem lassen die meisten Gebaeude schon jetzt ihre enorme Dimension und Einzigartigkeit erahnen. Das Schwimmstadion mutet mit seiner Aussenhuelle aus Luftblasen sehr futuristisch an, die Turnhalle erinnert ein wenig an den neuen Hauptbahnhof in Berlin. Mein absoluter Favorit ist und bleibt aber das Olympiastadion, das so genannte „Vogelnest“. Die Stahltraegerarchitektur soll dem ganzen Bau bewusst einen unfertigen Ausdruck verleihen und damit den Aufbruch Chinas symbolisieren.

Exkurs: Eigentlich wollte ich ja auch noch einen Artikel ueber Bautaetigkeit allgemein in Peking schreiben, aber das ist einfach unbeschreiblich. Ueberall, aber wirklich ueberall stehen Rohkonstruktionen hinter den typischen gruenen und blauben Absperrungen, Schweissgeraete blitzen nachts auf, Kraene schwenken ueber Strassen, das ganze untermalt vom monotonen Stampfen diverser Baugeraete. Diese Stadt vibriert. Ein Beispiel: Neulich bin ich nachts bei uns ueber den Hauptkreisverkehr (vierspurig) gelaufen. Tagsueber ein normaler Kreisverkehr, in dieser einen Nacht das komplette Gegenteil: 200 Arbeiter hatten das ganze Areal in einer riesige Baustelle verwandelt. Alles war durch riesige, mobile Neonlichter taghell erleuchtet, ueberall wurde Teer verlegt, Fahrbahn ausgebessert und Bruecke saniert. Am naechsten Vormittag war der ganze Spuk vorbei. Unglaublich. Ich will, dass auf deutschen Autobahnen genau so produktiv gearbeitet wird!!)

Zurueck zum Thema Olympia: Ich habe es in der Tat geschafft und war dort, wo die Welt in acht Monaten hinschauen wird. Wenn dort im August 2008 die Olympische Fackel fuer vier Wochen das Olympische Feuer entzuenden wird. Ich habe mich ins Olympische Heiligtum geschmuggelt, ich war IM OLYMPIASTADION (Beweisfotos gibt es spaeter, die sind mit Beccis Kamera gemacht worden...). Wie geht so etwas? Normalerweise muss man mindestens Bauarbeiter auf der Baustelle oder zumindest Staatschef eines mittelgrossen Landes sein um die Baustelle des Olympiastadions besichtigen zu duerfen. Mittlerweile hat sich rund um das Stadion allerdings eine kleine Schmuggel-Industrie angesiedelt. „Bin ich Arbeiter mit Lizenz zum Reinfahren. Gibst Du mir Geld, faehrst Du hinter meinen getoenten Scheiben mit auf die Baustelle.“ Fuer drei Euro eigentlich ein unschlagbares Angebot. Stellt man sich dann auf der Baustelle halbwegs geschickt an, findet man den unterirdischen Eingang fuer den Marathon-Lauf und kommt so ziemlich unbehelligt (ein paar Arbeiter haben verdutzt geguckt) ins Olympische Rund. Und was soll ich sagen? Extrem beeindruckend, ddort zu stehen, wo in acht Monaten die Medaillen verliehen werden und schon einmal den 100-Meter-Sprint zu simulieren. Allerdings ist dort noch vieles unfertig. Sitze gibt es erst auf der Haelfte der Tribuenen, das Stadionrund selber besteht derzeit noch aus einer riesigen Asphaltflaeche. Wie dort „vorgestern“ irgendwelche sportlichen Aktivitaeten haetten stattfinden sollen bleibt mir ein Raetsel…

Ganz generell kann man aber sagen, dass sich die Chinesen im Allgemeinen und die Pekinesen im Speziellen unglablich auf die Olympischen Spiele freuen. Die Geschichten rund um Luftverschmutzungsbekaempfungsmassnahmen und Englisch-Kurse fuer Taxifahrer (wo und wann auch immer die stattgefunden haben sollen, man merkt nichts davon) sind ja schon zur Genuege durch die westliche Presse gegangen. Was hier vor Ort besonders auffaellt, sind Erziehungsversuche fuer die eigene Bevoelkerung. In der U-Bahn laeuft dann schon mal ein kleiner Film ueber ruecksichtsvolles Anstellen in Schlangen und dass Rotzen und Spucken in der Oeffentlichkeit das westliche Publikum zumindest stoeren koennte. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass nicht alle Chinesen ein genaues Bild von Olympia haben. Nur, dass es gross ist und China sich praesentieren will. So ist mir folgender Dialog schon zweimal untergekommen, als ich nach dem Weg gefragt habe: „Excuse me, can you tell me where I can find XYZ?“ – „Of course. I show yo, just follow me“. Zwei Sekunden spaeter: „Did you know? Next year is Olympia in Beijing“.