© M. Yamashita

Dienstag, 9. Oktober 2007

Eine Zugfahrt, .... Teil 2






Ok, stellt Euch folgende Situation vor: Ihr habt eine Tibet-Reise gebucht. Euer Zeitplan sieht vor, dass ihr am Donnerstag Abend ab Peking mit dem Zug losfahrt. 48 Studen spaeter kommt ihr dann in Tibet an, verbringt zwei Tage in Lhasa und reist dann anschliessend durchs Land, um dann Samstag ueber Xian wieder nach Peking zurueckzufliegen. Der ganze Trip kostet Euch rund 800 Euro, viel fuer einen Studenten, erschwinglich aber wenn man bedenkt, was so eine Reise von Deutschland aus kostet.

Stellt Euch ferner vor, ihr macht diese Reise waherend der Golden Week in China. Das ist die Woche (nach dem Nationalfeiertag), an dem alle (Buero-)Chinesen fuer sieben Tage Urlaub machen duerfen. Ihr wisst also, dass es ziemlich voll sein wird und nach zwei Wochen Planung ist es Euch also gelungen, tatsaechlich An- und Abreise sowie einen Bus vor Ort zu organisieren. Und ihr wisst, dass alle, aber auch wirklich alle Plaetze fuer Alternativen mittlerweile ausgebucht sind. Wie doof waere es da wohl, den Zug von Peking nach Lhasa zu verpassen? Richtig, sehr doof.
Das ist uns passiert.


Wie verpasst man den absolut wichtigsten Zug seines Lebens? Folgendes ist passiert: Wir hatten massig Zeit. Der Zug faehrt jeden Abend um 21:30 los, um 19 Uhr haben wir uns alle in Schindlers Tankstelle getroffen, einem deutschen Restaurant hier in Peking. Vor Tibet wollten wir doch noch einmal germanisch-lecker Haehnchengeschnetzeltes und Weizenbier konsumieren. Als wir gegen viertel nach acht das Restaurant verlassen haben, war immer noch massig Zeit. Als wir dann um 21 Uhr am Hauptbahnhof in Peking angekommen sind, war immer noch massig Zeit. Eigentlich. Denn dann haben wir mal auf unsere Tickets geschaut. Und da standen nicht die chinesischen Schriftzeichen fuer Beijing, sondern die Schriftzeichen fuer BeijingXI. Was soviel bedeutet, wie dass der Zug nicht vom HAUPTbahnhof, sondern vom WESTbahnhof in Peking abfaehrt. Glaubt mir, ich werde nie mehr in meinem Leben Monopoly spielen. Jetzt hatten wir NICHT mehr massig Zeit.

Wir also wie die Irren nach draussen gewetzt und das naechstbeste Taxi angehalten. Der Fahrer wollte dann auch mal locker unverschaemte 100 Yuan fuer den Trip zum Westbahnhof haben, meinte aber gleichzeitig, dass wir es eh nicht mehr schaffen wuerden. Wir haben es trotzdem versucht. Und fast haetten wir es sogar geschafft.

Ich habe aus dem Taxi noch meine spanische Freundin Anna hier von der Uni angerufen, die mit dem gleichen Zug unterwegs war. Sie hat dann mit den Menswchen am Bahnhof geredet, aber dieser spezielle Zug laesst sich nicht mal eben um 10 Minuten verschieben. Dann hat Anna angeboten, einen Herzinfarkt vorzutaeuschen - auch das hat nicht geholfen. Gerade, als wir vor uns den erleuchteten - und zugegebenermassen sehr imposanten - Westbahnhof sahen, rief Anna an, dass sich der Zug in Bewegung gesetzt habe. Wir, schon reichlich geknickt, beim Schalter vorgesprochen: Naechste Moeglichkeit fuer einen Zug in drei Tagen, Hard-Seater. Was waren wir scheisse drauf.



Der Rest der Geschichte ist schnell erzaehlt, ihr habt die Fotos ja zum groessten Teil schon gesehen: Wir haben es doch nach Tibet geschafft. Nach einer sehr kurzen und sehr alkoholreichen Nacht sind wir am naechsten morgen frueh bei unserer Travel-Agency vorstellig geworden. Und wie durch ein Wunder hatte die ploetzlich vier Tickets fuer den Zug am gleichen Abend, eine andere Gruppe hatte wegen Krankheit abgesagt. So viel Pech wir also am Tag vorher hatten, umso mehr hat uns das Glueck dann am Freitag ein-, ja sogar ueberholt. Insgesamt hat uns unsere Dummheit also 20 Euro (man kriegt nicht den vollen Ticketpreis zurueck) und einen Tag in Tibet gekostet.

Die Reise selber ging dann viel schneller vorbei als wir alle befuerchtet hatten und war definitiv ein Erlebnis. Die Strecke Peking-Lhasa ist die hoechstgelegene Eisenbahnlinie der Welt, worauf die Chinesen auch ziemlich stolz sind. Alle halbe Stunde kommen "informative" Durchsagen, welch einmaliges Projekt die Bahn doch ist und wie viel unermesslichen Reichtum sie Tibet bringen wird. Naja, darueber laesst sich streiten.

Unbestreitbar ist allerdings die fantastische Landschaft, an der man waherend der Fahrt vorbei kommt. Auf Fotos ist dieser Eindruck leider nicht sonderlich gut festzuhalten, aber ewige Weiten, Schneelandschaften, Rinder-Herden und Regenbogen sind schon beeindruckend. Insgesamt erreicht die Bahn eine Hoehe von 5200 Metern, dann wird auch zusaetzlich Sauerstoff in die Abteile gepumpt. Wer will kann sich auch einen Schlauch zu einem individuellen O2-Anschluss bestellen, ein Spass ist das allemal.

Zwei der Bilder muessen allerdings noch erklaert werden: Dieses unansehnliche Waschbecken ist keineswegs das Ergebnis unserer kurzen, alkoholreichen Nacht. Vielmehr ist es das Ergebnis zahlreicher Chinesen, die ihre unzaehligen Nudelsuppenrest (im Schnitt wuerde ich schaetzen vier pro Stunde pro Waggon) schlauerweise in die Waschbecken gekippt haben. Sauber gemacht wurde in den 48 Stunden natuerlich nicht.

Und warum hat der Peter eine Platzwunde an der Augenbraue? Da muessen wir etwas weiter ausholen und unsere Schulkenntnisse Physik, achte Klasse ausgraben. Man stelle sich vor, man kauft Bier in Peking. Peking liegt 57 Meter ueber dem Meeresspiegel. Man kauft viel Bier, so dass auch nach 40 Stunden Zugfahrt noch Bier uebrig ist. Man will das Bier dann trinken. Man oeffnet die Flasche schwungvoll mit einem Feuerzeug. Was man dabei nicht beachtet: Mittlerweile befindet man sich rund 5200 ueber dem Meeresspiegel. Richtig: Aua!

Passiert ist zum Glueck nicht viel, es sieht viel schlimmer aus als es ist. Gehoert aber definitiv zu einer meiner Lieblingsverletzungen!
Darauf: Prost!

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Interessante Fotos, die darauf warten, dass die Stories dahinter beschrieben werden. Oder doch alles zu banal?